Wie gefährlich sind Optionsscheine?

Im folgenden Beitrag möchten wir nicht den Eindruck erwecken, dass der Handel mit Optionsscheinen nicht mit Risiken behaftet ist. Durch ihre Ausgestaltung erlauben Optionsscheine es dem Trader deutlich höhere Risiken einzugehen als mit einem vergleichbaren Aktieninvestment. Aber genau das ist der Punkt: Nicht der Optionsschein verursacht von Hause aus ein Risiko. Es ist und bleibt der Trader, der über die Höhe des Risikos entscheidet.

Heute brach die Aktie der Merck KGaA überraschend um rund 6 Prozent ein. Eigentlich ist Merck recht gut unterwegs. Der Chart zeigt einen Aufwärtstrend. Im laufenden Jahr konnte der Titel schon mehr als 50 Prozent zulegen. Die heutige Abwärtsbewegung kam aus heiterem Himmel und war in dieser Höhe für den eher gering volatilen Titel schon bemerkenswert. Eine Recherche zu der Ursache ergab zunächst kein Ergebnis. Normalerweise lässt man von solchen ungeklärten Szenarien die Finger. Vielleicht erholt sich der Titel wieder, vielleicht fällt er auch noch weitere 20 Prozent. Wer weiß das schon. 

Lassen Sie uns mal etwas rechnen



Der Kurs der Aktie Aktie steht nach dem Einbruch bei etwa 200 Euro. Um es einfach zu machen, rechnen wir mit diesem Wert. Wenn Sie 12 Aktien kaufen, sind Sie mit 2.400 Euro investiert. Fällt der Kurs weiter auf sein Tief im Juni, verlieren Sie 60 Euro pro Aktie, in Summe also 720 Euro. Selbstverständlich nur dann, wenn Sie bis dahin die Position gehalten haben und noch immer auf Besserung hoffen. Haben Sie die Position glattgestellt, haben Sie bereits einen Realverlust verbucht.

Steigt der Kurs von 200 Euro auf das letzte Hoch bei 220 Euro, gewinnen Sie 240 Euro. Steigt der Kurs auf 240 Euro, gewinnen Sie 480 Euro. Bei einem Kursanstieg auf 260 Euro betrüge Ihr Gewinn 720 Euro.

Angesichts der Tatsache, dass Sie nicht wissen, welche Kräfte hier gerade an dem Titel zerren und in welche Richtung sich das entwickelt, ist dieses Investment ein gewagtes und riskantes Unterfangen.

Ivestment mit einem Optionsschein

Risiken lassen sich in den meisten Fällen managen. Der klassische Aktieninvestor bedient sich häufig eines Stop-Losses, um den Verlust zu begrenzen und die Position glattzustellen, bevor sie zu viel Schaden anrichtet. 

Der versierte Derivatehändler, der sich eines Standard-Optionsscheines bedient, kann diese Überlegung oft vollkommen außer acht lassen. Sein Risiko ist immer maximal die Prämie, die er für den Kauf des Optionsscheines bezahlt hat.

Wir haben uns für den Kauf eines Standard-Call-Optionsscheines entschieden. Der Basispreis ist 200 Euro. Zum Zeitpunkt des Kaufs notiert der Schein am Geld. Da wir gerne Einzelpositionsgrößen von rund 2,5 Prozent des Depotkapitals handeln, wollen wir so viele Optionsscheine kaufen, dass die Investition einem Aktieninvestment in Höhe von etwa 2.500 Euro entspricht.

Der Kurs der Aktie notiert mittlerweile bei 204 Euro. Wir müssen zumindest für die Optionsscheine ab hier mit diesem Wert rechnen, weil das unser tatsächlicher Einstiegspreis ist. Bei dem vergleichsweisen Aktieninvestment, gehen wir weiterhin von 200 Euro aus. Das stellt das Aktieninvestment etwas besser, aber das ist vernachlässigbar. Entsprechend dieser Rechnung müssen also 12,25 Aktien erworben werden. Unser Optionsschein hat ein Bezugsverhältnis von 10:1. Das bedeutet, dass 10 Optionsscheine benötigt werden, um später eine Aktie kaufen zu können. Vergleichbar  mit dem Erwerb von 12.25 Aktien ist deshalb der Kauf von 122 Optionsscheinen. Ein Optionsschein kostet 2,31 Euro. Wir investieren also rund 282 Euro.

Was passiert bei sich verändernden kursen?

Die folgenden Berechnungen werden mit einem Optionsscheinrechner durchgeführt. Es handelt sich hierbei immer um angenäherte Werte. Die Berechnung einer Optionsscheinprämie unterliegt mehreren, sich dynamisch verändernden Variablen, wie zum Beispiel auch der impliziten Volatilität. Diese ist heute noch nicht bekannt. Deshalb ist schon aus diesem Grund nur eine Schätzung der Optionsscheinprämie in der Zukunft möglich. Dennoch kann man sich an diesen Werten sehr gut orientieren.

Fällt der Kurs bis zum 31.12.2021 auf das letzte Tief bei etwa 180 Euro, reduziert sich der Wert unserer Optionsscheine um etwa 157 Euro. Fällt der Kurs auf das Juni-Tief, verlieren wir etwa 265 Euro, was schon nahezu einem Totalverlust entspricht. Schauen Sie nochmal nach oben: Ein Aktieninvestment hätte hier bereits 720 Euro verloren. Der Einsatz eines Optionsscheines verringert das Risiko in diesem Fall um den Faktor 2,7. Mehr als die Prämie kann nicht verloren gehen. Deshalb ist das Risiko klar definiert und ein Stop-Loss ist in unserem Fall überflüssig.

Steigt der Kurs bis zum 31.12.2021 auf 220 Euro, weisen die Optionsscheine einen Gewinn von etwa 103 Euro auf. 12 Aktien hätten bis dahin 240 Euro verdient. Der Gewinn wäre also um Faktor 2,3 höher. Steigt der Kurs im gleichen Zeitraum auf 260 Euro, verdienen die Optionsscheine rund 480 Euro, während die Aktien 720 Euro verdienen würden. Das Aktieninvestment wäre nur noch um den Faktor 1,5 profitabler. Mit Blick auf einen Kurs von 180 Euro im Basiswert wäre es aber um Faktor 2,7 riskanter!

Warum ist der Optionsschein das bessere Instrument?

Ein verantwortungsvoller Händler stellt immer das Risiko in den Vordergrund. Verluste zu vermeiden oder zu begrenzen hat immer Vorrang vor Performance. Unterm Strich zahlt sich das aus. Je weniger Verlust produziert wird, umso weniger muss auf der anderen Seite verdient werden, um eine angemessene Gesamtperformance zu erreichen.

Einer der wichtigsten Entscheidungsgründe für einen Standard-Optionsschein ist, dass dieser nicht ausgestoppt werden kann. Selbst wenn der Kurs des Basiswertes mehrere Wochen oder Monate massiv abstürzt, bleibt der Standard-Optionsschein innerhalb seiner Laufzeit im Rennen.

Der von uns für diese Position gewählte Optionsschein läuft bis Dezember 2022. Steigt der Kurs des Basiswertes bis dahin auf etwa 223 Euro, beträgt der innere Wert des Optionsscheines etwa die gezahlte Prämie.  Da der Optionsschein einen Basispreis von 200 Euro hat und das Bezugsverhältnis 10:1 ist, berechtigen uns jeweils 10 Optionsscheine zum Erwerb einer Aktie zu einem Preis von 200 Euro. Wir besitzen 122 Optionsscheine und können dafür 12,2 Aktien für jeweils 200 Euro erwerben, um diese anschließend für 223 Euro zu verkaufen. Hierbei würden wir rund 280 Euro verdienen, was die beim Kauf gezahlte Prämie in Höhe von 282 Euro etwa kompensiert. Selbstverständlich muss dies technisch nicht so durchgeführt werden. Die Beschreibung des Vorgangs dient lediglich der bessern Verständlichkeit. Tatsächlich wird durch den Emittenten des Optionsscheines lediglich ein Barausgleich durchgeführt der zu einem Verlust von 2 Euro führen würde.

Kommen wir zurück zum Anfang. Zu einer plötzlich billigen Aktie, bei der nicht klar ist, warum sie plötzlich so billig geworden ist, die man aber eigentlich jetzt gerne kaufen möchte, bevor der Preisvorteil wieder verloren geht. Mit einem Standard-Optionsschein kann das Risiko absolut zuverlässig gemanagt werden. Ob und wie weit der Basiswert noch abtaucht ist vollkommen egal. Das Risiko beschränkt sich immer nur auf die gezahlte Prämie. Ein Stopp-Loss muss bei entsprechender Risikokalkulation nicht gesetzt werden. Der Standard-Optionsschein bleibt bis zur Fälligkeit im Rennen. Auch wenn er zwischenzeitlich wertlos werden sollte, kann er bis zur Fälligkeit jederzeit wieder in den Gewinn laufen.

Werden Optionsscheine richtig und verantwortungsvoll eingesetzt, können sie Risiken reduzieren. Auch an dieser Stelle empfehlen wir den Blick in den Download-Bereich. Interessierte Leser finden hier alles, was man über Optionsscheine wissen sollte.